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Autorin: Andrea Specht, Internationales Theaterinstitut, Berlin

Mobilität und Nachhaltigkeit

Theater und Nachhaltigkeit – Gewissensfrage oder Luxusproblem?

Das Begriffspaar Nachhaltigkeit und Theater spannt ein riesiges semantisches Feld auf - auf der einen Seite fächert sich künstlerische Auseinandersetzung mit Umwelt, Klimawandel, Ressourcenknappheit auf, die Skepsis gegenüber dem landläufigen Diskurs globaler Ungerechtigkeiten und Politiken. Demgegenüber erstreckt sich das pragmatische Feld mit seinen Schlagworten Verzicht, Recycling, Müllvermeidung, CO2-Fußabdruck, saubere Energien etc.

Auf einen verknappten Nenner heruntergebrochen: Das Doppel umfasst Prozess und Produkt der Darstellenden Künste.  

Modeerscheinung Umweltverträglichkeit?

Umwelt- und Naturschutz gelten seit den 70er Jahren in Europa als wichtige Schlagworte. Von einer damaligen Randerscheinung haben sich „grünes Handeln“ und Nachhaltigkeit inzwischen als Mainstream etabliert. Der Zeitgeist hat sich gewandelt. Nahezu jeder weiß (zumindest theoretisch), was umweltverträgliches Handeln und Ressourcen schonen meint.  Ein schlechtes Umweltgewissen angesichts seines CO2-Fußabdrucks zu haben, gehört dazu. Unternehmen bemühen sich um Umweltzertifikate, Konferenzen betreiben durch die Marke „klimaneutral“ Imagepflege. Geht es darum? Ja, auch. Denn diese Entwicklung bildet ein in der Breite verändertes Bewusstsein ab, das den Markt in Teilen hin zu verantwortlichem Wirtschaften beeinflusst. 

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Tun und Scheinen

Den Blick auf die Darstellenden Künste zu richten, reiht sich in die Debatte ein. Und das mit gutem Recht: Künstler durchdringen Diskurse und Gegebenheiten mit distanzierter, nahezu prophetischer Skepsis. Und tragen dazu bei, tiefe Gräben als Abgründe sichtbar zu machen,  hohle Versprechungen aufzudecken und eine scheinheilige Mode als solche zu entblößen. Als performatives Megaphon verorten sie sich selbst auf dem Kontinuum zwischen Verweigerungs-Zynismus und zuversichtlichem “wenn jeder tut, was er kann“. Mit entsprechender Wirkung auf Vermeidungsstrategien des Publikums.

Darüber hinaus sind Künstler prädestiniert und gewohnt, kreative Lösungen und Ansätze zu verfolgen. Dinge auf den Kopf zu stellen, sein zu lassen, zu experimentieren. 

In Bewegung gekommen

Diese Dynamik überträgt sich auch in Bereiche der Produktions-Infrastrukturen. Im Apparat dahinter zeichnet sich das Bewusstsein ab, umweltverträgliche Potentiale aufzuspüren und auszuschöpfen. In den vergangenen Jahren wurden verschiedenen Studien und zukunftsweisende Initiativen ins Leben gerufen. Julie’s Bicycle **** sustaining creativity, eine britische Initiative, die seit 2007 im Musikbereich Nachhaltigkeit befördert, hat ihre Einwirkung auf den Theaterbereich ausgeweitet (www.juliesbicycle.com). Darüber hinaus hat sie in  diesem Jahr gemeinsam mit on-the-move.org einen Green Mobility Guide für die Darstellenden Künste erstellt. TippingPoint Australia veröffentlichte bereits 2010 die Studie Greening The Arts (www.tippingpointaustralia.com). Das Kaaitheater in Brüssel veranstaltete 2011 die Konferenz The Carbon Footprint of the Performing Arts, in Kanada richtete die Universität York die Staging Sustainability Conference  aus. Und in Berlin fand das Festival ÜBER LEBENSKUNST statt, das im Rahmen einer dreijährigen Initiative Kunst und Kultur als Katalysator und Vorreiter erprobt. Dazu finden sich etliche Websites zu nachhaltigem, grünem und Öko-Theater, mit Beratungsangeboten, CO2-Rechnern und praktischen Vorschlägen zu ressourcenfreundlicherem Produzieren. Nachhaltiges Handeln verändert Prozesse: es verlangsamt, setzt die Bereitschaft voraus, sich mit Alternativen auseinanderzusetzen und ist oft an die Kostenfrage geknüpft. 

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Nachhaltiges Fördern fordern

Ressourcenknappheit im Sinne von Finanzierung führt auch zur Förder- und Subventionspolitik. Welcher Fördertopf hält einen Posten für CO2-Kompensationen bereit oder gar - wer macht nachhaltiges Handeln und Produzieren zur Bewerbungsvoraussetzung für Anträge und ist in der Konsequenz dann auch bereit, die Mittel anzupassen? 

Nabelschau?

Internationale Mobilität zeichnet sich als die Gretchenfrage im Nachhaltigkeitsbewusstsein ab. Stärker als andere Künstle, lebt darstellende Kunst von der Präsenz der Künstler, dem direkten Wechselspiel mit dem Publikum. Flüge, insbesondere Langstreckenflüge, sind eine enorme Belastung für die Umwelt - oder individualisiert formuliert: schwärzen den eigenen CO2-Fußabdruck gewaltig. Konsequenterweise müsste man aufhören zu fliegen. Käme eine verstärkte Regionalität im Produzieren als Alternative ernsthaft in Betracht? Die Gefahr besteht, dass eine erfrischende Zirkulation von Ideen und Befruchtungen dadurch abgeschnitten würde. Internationalität und kultureller Austausch bilden Werte, die im Tanz und Theater schwerlich zur Debatte stehen. Reisen gehört  dazu.

Was aber könnte nachhaltiges Reisen bedeuten? Neben alternativen  Transportmitteln oder Tourneeplänen entwickelt sich zunehmend das Feld der virtuellen Mobilität, des digitalen Produzierens. Büßen Produktionen aber hier nicht gerade die Aura des Direkten ein? Wie weit trägt die Ästhetik der distanten Gleichzeitigkeit?

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Luxusproblem?

Bildet dieser Nachhaltigkeitsdiskurs am Ende vorrangig ein hauseigenes, nabelschauendes Luxusproblem ab? Der „globale Norden“, die westlichen Industrienationen, sehen sich mit einem Umdenken konfrontiert, das Verzicht auf Gewohntes oder kostspieligere Alternativen nach sich zieht. Die Frage drängt sich auf, wer sich umweltverträgliches Handeln leisten kann - finanziell und existenziell, hier wie da. Sein Klimagewissen zu beruhigen, regional einzukaufen – sind das Sorgen eines elitären Bürgertums? Mit der Bahn zu reisen statt zu fliegen - kann das ein Europäer in Tallin oder gar ein Neuseeländer ebenso austauschbar wählen, wie jemand in Frankfurt? Was ist mit Indern, die nun dank Billigfluglinien die Chance haben, wochenlange Zugreisen über den Subkontinent auf zwei Stunden zu reduzieren?  Davon abgesehen steht Reisen für den Großteil der Menschen gar nicht zur Debatte. Hier wie dort.

Die Mode hierzulande, umweltverträgliche Initiativen mit Heldentiteln auszuzeichnen, verdreht die Tatsachen. Die selbstverständliche globale Verantwortung stilisiert sich zum Ablassbrief eines schlechten ökologischen Gewissens. 

Ein komplexes, streitbares, globales wie persönliches Thema – und doch wert, sich damit auseinander zu setzen. Sichtweisen und praktische Ansätze gibt es unzählige, ebenso wie Verweigerungshaltungen.

Künstlerinnen und Künstler haben oft gar nicht die Wahl - ihr Schaffen und Arbeiten in der heutigen Zeit verlangt von Ihnen Mobilität und geographische Flexibilität. Doch kann es gewinnbringend sein, sich mit nachhaltigen Alternativen und CO2 reduzierten Möglichkeiten auseinander zu setzen und die problematische Seite des Reisens im Blick zu behalten.
Verschiedene Tools, Werkzeuge und Handreichungen stehen zur Verfügung. 

 

Der Artikel erschien zuerst in der ITI-Zeitschrift Impuls, 2/2011.

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