Förderung und Residenzen » Mobilität und EU Kulturpolitik

Autor: Richard Polácek, unabhängiger Berater für Kultur- und Sozialpolitik, Brüssel/Prag

Mobilität und EU-Politik

Mobilität von Kunst- und Kulturschaffenden in der EU-Kulturpolitik

In den letzten zehn Jahren wurde die Mobilität von Kunst- und Kulturschaffenden zu einem immer wichtigeren Thema auf der politischen Agenda der EU. Es überrascht nicht, dass das Hauptinteresse der EU an der Mobilität von Künstlerinnen und Künstlern in erster Linie ökonomischer Natur ist, denn Mobilität erweitert die Möglichkeiten, kulturelle Güter und Dienstleistungen zu produzieren und auszutauschen. Dies stellt wiederum einen großen Nutzen für die Wirtschaft dar: Arbeitsplätze werden geschaffen und Neuerungen und Kreativität fließen in andere Bereiche ein, wie bspw. Wirtschaftsleben und Bildung. Diese positiven Auswirkungen der Mobilität decken sich mit den strategischen Zielen der EU, wie sie erstmals in der Lissabon-Strategie (2000) umrissen wurden ­– einem auf zehn Jahre angelegten Aktionsplan mit dem Ziel, die EU zu dem wettbewerbsfähigsten ökonomischen Akteur zu machen – und jetzt auch in ihrem Nachfolger, der Strategie Europa 2020. Daher rührt u.a. das Interesse der EU, die Mobilität von Kunst- und Kulturschaffenden zu unterstützen. Erstmalig unterstützte die EU die grenzüberschreitende Mobilität von Kunst- und Kulturschaffenden finanziell durch das EU-Programm Kultur (2000-2007), mit Kofinanzierungen durch nationale, regionale oder lokale Förderprogramme, private Stiftungen oder Eigenmittel der Kulturschaffenden. Das neue Programm Kultur für den Zeitraum von 2007 bis 2013 mit einem Budget von 400 000 000 Euro macht Mobilität zum Kernthema, indem es ausdrücklich grenzüberschreitende Mobilität der im Kulturbereich Tätigen fördert sowie den transnationalen Austausch künstlerischer und kultureller Erzeugnisse anregt.

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Pilotprojekte und Studien

Seit 2007 arbeitet die EU verstärkt an der Unterstützung von Mobilität von Kunst- und Kulturschaffenden. Die Tatsache anerkennend, dass Kunst- und Kulturschaffende sich besonderen Herausforderungen gegenüber sehen, wenn sie mobil sein wollen, hat sich die EU 2007 mit der Europäischen Agenda für Kultur die Förderung ihrer Mobilität zum Ziel gesetzt. Ende 2007 billigte das Europäische Parlament (EP) einen zusätzlichen Haushalt, der ausdrücklich für Pilotprojekte zur Mobilitätsförderung von Künstlerinnen und Künstlern vorgesehen ist. Diese Pilotprojekte waren darauf angelegt die EU-Arbeit im Rahmen der Europäischen Agenda für Kultur zu unterstützen und dienten dazu – in Vorbereitung des neuen Kulturprogramms nach 2013 – neue Ideen zu testen. Zu Beginn wählte die Europäische Kommission vier Pilotprojekte (SPACE, e.mobilityChanging Room und PRACTICS) mit einer Laufzeit von zwei bis drei Jahren aus. Ziel war dabei, einen Erfahrungsaustausch und wechselseitige Lerneffekte bereits bestehender Organisationen und Netzwerke, die Mobilität unterstützen, anzuregen. 2008 billigte das EP eine weitere Haushaltslinie und 2009 wählte die Kommission weitere neun Mobilitätspilotprojekte aus. Diesmal mit dem Ziel, die Mobilität von Künstlerinnen und Künstlern direkt zu fördern, indem bestehende gemeinschaftliche Mobilitätsfonds und Residenzprogramme für Künstlerinnen und Künstler unterstützt wurden.

Neben diesen Pilotprojekten gab die EU 2008 und 2009 auch zwei Großstudien in Auftrag, um Wissen und Kenntnisse hinsichtlich zweier Schlüsselaspekte für die Unterstützung von Mobilität zu gewinnen: Finanzierung und Informationen zu Regulierungen, die für die grenzüberschreitende Mobilität relevant sind.

Die Kommission beauftragte 2007 das ERICarts-Institut (European Institute for Comparative Cultural Research) mit einer Studie über Finanzierungswege der Mobilität von Künstlerinnen und Künstlern. Hauptziel war, ein genaueres Bild über existierende Finanzierungsstrukturen nationaler und regionaler Behörden sowie privater Geldgeberinnen und Geldgeber zu bekommen. Im Jahr 2008 publizierte ERICarts die Studie Mobility Matters: Programmes and Schemes to Support the Mobility of Artists and Cultural Professionals in Europe (Mobilitätsförderung in Europa: Programme und Maßnahmen zur Unterstützung der Mobilität von Künstlern und anderen Kulturberufen), in der die wichtigsten Mobilitätsstrukturen in Europa, deren Ziele sowie die Hauptbeweggründe der Fördereinrichtungen zur Unterstützung von Mobilität detailliert beschrieben sind. Die Studie ist eine umfangreiche Informationsquelle hinsichtlich dessen, wie Mobilität im europäischen Kultursektor finanziert wird; sie enthält außerdem eine Fülle von Empfehlungen an nationale und europäische Akteurinnen und Akteure zur Verbesserung der Mobilität von Kunst- und Kulturschaffenden.

Mit Blick auf die Frage der Information für Kunst- und Kulturschaffende zu rechtlichen, regulativen, verfahrensrechtlichen und finanziellen Aspekten der Mobilität beauftragte das EP die Kommission mit einer Studie. Diese Studie mit dem Titel Feasibility study for a European wide system of information on the different legal, regulatory, procedural and financial aspects to mobility in the cultural sector (Durchführbarkeitsstudie für ein europaweites Informationssystem über die verschiedenen rechtlichen, regulativen, verfahrensrechtlichen und finanziellen Aspekte der Mobilität im Kultursektor) wurde 2009 veröffentlicht und untersucht eingehend den Informationsbedarf mobiler Kunst- und Kulturschaffender. Die Studie bietet weiterhin einen Überblick über existierende Informationssysteme, zeigt deren Unzulänglichkeiten auf und gibt nationalen wie europäischen Akteurinnen und Akteuren Empfehlungen, wie bestehende Lücken im Hinblick auf ein europaweites Informationssystem geschlossen werden können. Das Pilotprojekt PRACTICS implementierte und testete zwischen 2009 und 2011 ein Informationssystem, das dem in der Durchführbarkeitsstudie dargestellten sehr nahe kommt: ein Netzwerk von vier nationalen Informationsbüros, die verbunden sind mit den großen europäischen Kultureinrichtungen und die Kunst- und Kulturschaffenden maßgeschneiderte Informationen zu rechtlichen, regulativen, verfahrensrechtlichen und finanziellen Aspekten internationaler Mobilität liefern.

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Arbeitsplan Kultur

Um die Zielvorgaben der Europäischen Agenda für Kultur zu erreichen, verabschiedete der Rat den Arbeitsplan für Kultur 2008-2010, der die Verbesserung der Mobilitätsbedingungen für Kunst- und Kulturschaffende zu einer seiner Prioritäten machte. Der Arbeitsplan sah auch vor, mehrere Arbeitsgruppen ins Leben zu rufen, die sich aus von den Mitgliedstaaten ernannten Expertinnen und Experten zusammensetzten. Im März 2008 berief die Europäische Kommission eine Expertenarbeitsgruppe zur Verbesserung der Mobilitätsbedingungen von Kunst- und Kulturschaffenden ein. Die Gruppe verständigte sich auf eine Reihe von Empfehlungen, die die Bedingungen der Mobilitätsförderung von Kunst- und Kulturschaffenden unterstützen und an die Europäische Kommission, die EU-Mitgliedstaaten und den Kultursektor gerichtet wurden. Das Dokument liefert einen weiten Überblick über solche Maßnahmen, die auf allen Ebenen ergriffen werden müssen, um die Verhältnisse mobiler Kunst- und Kulturschaffenden innerhalb wie außerhalb der europäischen Länder nachhaltig zu verbessern. 

Der Arbeitsplan für Kultur 2011-2014 des Rats misst der Mobilität weiterhin einen hohen Stellenwert zu, indem er für die nächsten Jahre unterschiedliche Aktivitäten vorsieht, wie die Auswahl und Bewertung von Programmen zur Mobilitätsförderung, um Hindernisse und Probleme zu erkennen, denen sich insbesondere kleinere Kulturbetriebe und junge Kunst- und Kulturschaffende gegenüber sehen. Dabei bleibt die Verbesserung von Informationsstrukturen zu regulativen Aspekten der Mobilität eines der Kernthemen des Arbeitsplans. Im Mai 2011 bestätigte der Rat der Europäischen Union in seinen Schlussfolgerungen zu mobilitätsspezifischen Informationsdiensten für Künstler und Kulturschaffende die Bedeutung der Mobilität von Kunst- und Kulturschaffenden für die EU sowie für die Erreichung der selbst gesteckten Ziele in der Strategie Europa 2020. Er appellierte an die Mitgliedstaaten und die Kommission, durch Mobilitätsinformationsdienste die Bereitstellung umfassender und präziser Informationen für diejenigen Kunst- und Kulturschaffenden zu erleichtern, die innerhalb der EU mobil sein wollen. Basierend auf dem Arbeitsplan für Kultur setzte die Europäische Kommission im Mai 2011 eine weitere Gruppe von Expertinnen und Experten ein, dieses Mal mit dem Auftrag, einen Vorschlag zu Informationsstandards im Hinblick auf Mobilität zu entwickeln. Die Gruppe setzte sich zusammen aus Vertreterinnen und Vertretern der Kulturministerien der Mitgliedstaaten sowie nationaler und europäischer Kulturorganisationen aller Kunstsparten, die nachweislich über Erfahrung auf dem Gebiet der Mobilität von Kunst- und Kulturschaffenden verfügen. Im Dezember 2011 legte die Gruppe das detaillierte Dokument Information Standards for the Mobility of Artists and Cultural Professionals (Informationsstandards für die Mobilität von Künstlern und Kulturschaffenden) vor. 

Die aufgeführten Aktivitäten mögen etwas enttäuschend erscheinen, da EU-Initiativen sich oftmals auf Empfehlungen, Standards und politische Appelle beschränken. Hält man sich jedoch die äußerst begrenzten Einflussmöglichkeiten der EU im kulturellen Bereich vor Augen, so muss man den Initiativen zumindest das Verdienst zugestehen, dass sie die EU-Mitgliedstaaten nachdrücklich zum Handeln auffordern und sie zu einer engeren Abstimmung bezüglich ihrer Finanzierungsstrukturen und fachspezifischen Instrumente zur Mobilitätsförderung ermutigen. Die letzten Jahre haben auch einige wichtige Änderungen in den für grenzüberschreitende Mobilität von Künstlerinnen und Künstlern anzuwendenden Regelungen hervorgebracht. Darunter fällt die neue Koordinierung der Sozialversicherungssysteme in der EU, die 2010 in Kraft trat. Im selben Jahr erließ die EU einen neuen EU-Visakodex, der neue Visakategorien und damit veränderte Aufenthaltsbedingungen für Drittstaatsangehörige mit sich brachte. Doch ist es sicherlich noch zu früh, um zu beurteilen, inwieweit diese Neuregelungen die häufige und befristete Mobilität von Kunst- und Kulturschaffenden erleichtern. 

Wenngleich sich die erwähnten Aktivitäten hauptsächlich auf die Mobilität von Kunst- und Kulturschaffenden zwischen EU-Ländern konzentrierten, enthielten sie ebenfalls Vorschläge zu Aktivitäten und Empfehlungen hinsichtlich der Mobilität zwischen EU-Ländern und Nicht-EU-Ländern. Im Mai 2011 erließ das EP eine Entschließung zu den kulturellen Dimensionen der auswärtigen Politik der EU und beauftragte die Kommission mit einem Vorschlag zu einer Kurzzeit-Visa-Initiative mit dem Ziel, Hindernisse der Mobilität im Kultursektor zu beseitigen.

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Engagement des Kultursektors

Die relativ junge Geschichte des Engagements der EU zugunsten der grenzüberschreitenden Mobilität von Künstlerinnen und Künstlern darf das bereits über lange Zeit betriebene und anhaltende Engagement verschiedener kultureller Organisationen nicht vergessen lassen. Einige von ihnen arbeiten seit über dreißig Jahren aktiv an der Verbesserung der Mobilitätsbedingungen von Kunst- und Kulturschaffenden. Unter ihnen sind Organisationen wie Pearle* (Performing Arts Employers’ Associations League Europe), Trans Europe HallesDutch Culture I Trans Artists und viele andere, einschließlich berufsständiger Organisationen auf nationaler und regionaler Ebene. Ein bedeutender Wegbereiter auf diesem Gebiet war immer schon das internationale Netzwerk IETM (International Network for Contemporary Performing Arts). Im Jahr 1999 schuf es den Roberto Cimetta Fonds, um Kunst- und Kulturschaffende zu unterstützen, die reisen wollen, um zeitgenössische Kulturprojekte im euro-mediterranen Raum und besonders in der arabischen Welt zu entwickeln. 2003 baute IETM außerdem das Online-Portal für den Sektor der Darstellenden Kunst On the Move auf, aus dem 2009 Europe’s network for cultural mobility information (Europas Informationsnetzwerk für kulturelle Mobilität) wurde. Hierunter gruppierten sich mehr als 30 Organisationen aus ganz Europa einschließlich europäischer Kulturorganisationen, die sich mit kultureller grenzüberschreitender Mobilität befassen. Wie bereits erwähnt, haben zwischen 2008 und 2011 viele Kulturorganisationen in Europa ihre Kräfte rund um die Pilotprojekte zur Mobilität gebündelt, tauschten ihren Erfahrungsschatz in der Unterstützung von Mobilität aus und verabschiedeten gemeinsame Empfehlungen, um Politikerinnen und Politiker auf nationaler und europäischer Ebene zur Verbesserung von Mobilitätsbedingungen aufzufordern. 

Neben diesen europaweiten Aktivitäten wurden in den letzten Jahren viele Initiativen zur Mobilität von Künstlerinnen und Künstlern auf nationaler Ebene ins Leben gerufen. In der Tschechischen Republik, in FinnlandFrankreichItalien, Portugal und Spanien wurden Studien und Berichte über kulturelle Mobilität durchgeführt. Ebenso gab es verschiedene Initiativen in einzelnen Sparten, wie zum Beispiel eine Reihe von Konferenzen und Empfehlungen zur Mobilität von bildenden Künstlerinnen und Künstlern in Europa, organisiert von der IGBK, oder das von der EU finanzierte Projekt ON-AiR (2010-2012) von Trans Artists zu Residenzen für Künstlerinnen und Künstler. 

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Herausforderungen

Das Überschreiten von Ländergrenzen gehörte zum Leben von Künstlerinnen und Künstlern schon immer dazu. Europas Geschichte ist voll von Beispielen von Kunstschaffenden, die grenzüberschreitend gearbeitet haben und die sowohl die Kultur ihres Heimatlandes wie die ihres Gastlandes beträchtlich bereichert haben. Die Zukunft wird nicht anders sein und Kunstschaffende werden weiterhin Grenzen überschreiten, auch wenn die heutigen und künftigen Künstlerinnen und Künstler andere Wege der Mobilität, darunter auch virtuelle, einschlagen mögen. Sie werden aber auch Herausforderungen gegenüber stehen, die ihre grenzüberschreitende Erfahrung immer komplexer machen: In den vergangenen Jahren wurden Kulturorganisationen in Europa Zeuge von immer komplizierteren Verwaltungsverfahren, insbesondere in Hinblick auf Visa und Arbeitserlaubnisse für außereuropäische Kunst- und Kulturschaffende. Welche speziellen Visa-Regelungen und -Verfahren der Kulturbereich in Zukunft einfordern kann, ist ungewiss.

Im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise erfährt der gesamte Kulturbereich in der EU starke und beispiellose Kürzungen. Dies hat schwerwiegende Konsequenzen für Kunst- und Kulturschaffende und ihre Arbeitsbedingungen sowie für ihr Anliegen und ihre finanziellen Möglichkeiten, international zu arbeiten. Zuweilen zwingen Kürzungen Kunst- und Kulturschaffende dazu, besonders mobil zu sein und im Ausland nach Förderquellen zu suchen ­– nur um überleben zu können, ungeachtet ihrer eigenen Wünsche nach Mobilität. Was die finanzielle Förderung der EU für grenzüberschreitende Mobilität angeht, werden ab 2014 wichtige Änderungen in Kraft treten. Ein neues EU-Programm wird die existierenden Programme KULTUR, MEDIA und MEDIA MUNDUS zu einem Programm mit einem Gesamtumfang von 1 800 000 000 Euro für den Zeitraum 2014-2020 zusammenfassen. Das neue Programm mit dem Namen Kreatives Europa wurde im November 2011 von der Europäischen Kommission vorgeschlagen und wird gegenwärtig vom Ministerrat der Europäischen Union und dem Europäischen Parlament diskutiert. 

Umweltauflagen werfen Fragen nach der ökologischen Verantwortung und Nachhaltigkeit von kultureller Mobilität auf. Siehe hierzu bspw. die Studie von On the Move/Julie’s Bicycle: Green Mobility Guide.

Schließlich hat die Digitalisierung der Kultur immer größeren Einfluss auf Darstellende und Bildende Künste und neue Formen der Mobilität, wie bspw. die virtuelle Mobilität, sind entstanden. In diesem Zusammenhang stellen sich komplexe Fragen zum Urheberrecht. 

Aus den gegenwärtigen und zukünftigen Änderungen und Herausforderungen ergeben sich für Kunst- und Kulturschaffende immer mannigfaltigere Bedürfnisse nach präziser Information, um ihre mobilen Tätigkeiten bewerkstelligen zu können. Dies macht die Bereitstellung von Informationen zu grenzüberschreitender Mobilität zu einer herausfordernden, jedoch unerlässlichen Aufgabe.

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