Selbstständig Tätige

Beispiel:
Eine Schauspielerin und ein Bühnenbildner werden von einem Theater für eine Spielzeit verpflichtet. Ohne weitere Prüfung gilt die Schauspielerin als versicherungspflichtig angestellt, weil sie in den Theaterbetrieb eingegliedert und weisungsgebunden ist. Der Bühnenbildner dagegen ist selbstständig tätig, da der Künstlererlass im sogenannten Negativkatalog seine Tätigkeit als ungebunden erachtet.

Doch wer gilt als selbstständig tätig? Die Abgrenzung, wann die Tätigkeit einer*s Künstler*in als selbstständig oder nichtselbstständig einzustufen ist, ist manchmal schwierig. Daher hat das Bundesfinanzministerium den sogenannten Künstlererlass vom 5. Oktober 1990 (BStBl 1990 I, S. 638) auf den Weg gebracht. Darin sind die Abgrenzung zwischen selbstständiger und nichtselbstständiger Arbeit und die damit verbundenen Fragen zum Einkommensteuerabzug geregelt (ähnlich dem – aber nicht zu verwechseln mit dem! – Abgrenzungskatalog der Sozialversicherungsträger, dem Statusfeststellungsverfahren, s. Arbeitnehmer*innen). Der Künstlererlass gilt für die künstlerische Tätigkeit bei Theatern, Kulturorchestern sowie bei Hörfunk und Fernsehen.

Ist ein*e Künstler*in selbstständig tätig, steht ihr*m kein arbeitsrechtlicher Schutz zu. Damit Künstler*innen und Publizist*innen dennoch in den Genuss der gesetzlichen Sozialversicherung kommen, wurde die Künstlersozialkasse (KSK) geschaffen (s. Künstlersozialversicherung). Die Mitglieder sind kranken-, pflege- und rentenversichert. Ob und wie die einzelne Person dort versichert sein kann, hängt u. a. auch davon ab, wie umfangreich die freiberufliche Tätigkeit ist. Denn ob die selbstständige Tätigkeit haupt- oder nebenberuflich ausgeübt wird, kann Auswirkungen auf die Versicherungspflicht haben.

Einige Aspekte, die hinsichtlich des Status von selbstständig Tätigen relevant sind, werden im Folgenden erläutert.

Hauptberufliche Selbstständigkeit
Hauptberuflich ist eine selbstständige künstlerische Tätigkeit dann, wenn sie den Mittelpunkt der Erwerbstätigkeit darstellt und hinsichtlich Einkommen und zeitlichem Aufwand die übrigen Erwerbstätigkeiten insgesamt deutlich übersteigt. Nimmt der zeitliche Aufwand für die selbstständige Tätigkeit mehr als 20 Stunden wöchentlich in Anspruch, ist davon auszugehen, dass sie hauptberuflich ausgeübt wird. Dies gilt auf jeden Fall dann, wenn das Einkommen aus Selbstständigkeit die Hauptquelle zur Bestreitung des Lebensunterhalts ist.

Hinsichtlich der Versicherungspflicht in der KSK ist eine zusätzliche nebenberufliche Tätigkeit (im Anstellungsverhältnis, auch im nicht künstlerischen Bereich) nicht von Bedeutung. Das gilt auch für geringfügige oder kurzfristige Beschäftigungen (s. Geringfügige und kurzfristige Beschäftigung).

Beispiel:
Ein Bildhauer erzielt mit seiner selbstständigen künstlerischen Tätigkeit ein Einkommen von 1200 Euro im Monat. Im Januar wird er in einer Firma festangestellt und verdient durch diese Beschäftigung 400 Euro dazu. Ab März erhöht sich sein Gehalt auf 600 Euro monatlich.

Die selbstständige künstlerische Tätigkeit ist die ganze Zeit als hauptberuflich anzusehen, auch weil der zeitliche Aufwand deutlich größer ist als bei der Beschäftigung im Anstellungsverhältnis. Über die KSK ist der Bildhauer in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung versichert. Das nebenberufliche Beschäftigungsverhältnis ist ab dem Monat März sozialversicherungspflichtig, jedoch nicht in den Versicherungszweigen Kranken- und Pflegeversicherung. Das heißt, für diese beiden Versicherungszweige braucht der Arbeitgeber keine Sozialversicherungsbeiträge an die Krankenkasse abzuführen.

Nebenberufliche Selbstständigkeit
Eine nebenberufliche künstlerische selbstständige Tätigkeit kann gerade zu Beginn des Arbeitslebens für Künstler*innen reizvoll sein, wenn eine gleichzeitige Anstellung das Einkommen sichert. Als nebenberuflich wird eine Selbstständigkeit eingestuft, wenn die abhängige Beschäftigung den Einkommens- und Tätigkeitsschwerpunkt bildet. Die Arbeitszeit des Nebenberufs sollte nicht mehr als 18 Stunden in der Woche beanspruchen, auch darf das Einkommen nicht höher sein als jenes aus der Haupttätigkeit. Für eine nebenberufliche Selbstständigkeit müssen in der Regel keine zusätzlichen Sozialversicherungsbeiträge gezahlt werden, da diese bereits über die Haupttätigkeit abgeführt werden. Das gilt auch für Künstler*innen.

Beispiel:
Ein Künstler arbeitet 30 Stunden pro Woche für eine Werbeagentur und erhält daraus ein regelmäßiges sozialversicherungspflichtiges Einkommen von 30 000 Euro im Jahr. Nebenbei arbeitet er für einen Verlag, in selbstständiger Tätigkeit, als Illustrator. Er erzielt damit ein regelmäßiges jährliches Einkommen von 5000 Euro.

Die Einnahmen aus der künstlerischen freiberuflichen Tätigkeit sind sozialversicherungsfrei (auch wenn der Künstler wie in diesem Beispiel die Einkommensgrenze der Pflichtversicherung zur KSK überschreitet): Der Lebensunterhalt wird durch die hauptberufliche sozialversicherungspflichtige Tätigkeit in der Werbeagentur sichergestellt und nur diese Arbeitgeberin muss Pflichtbeiträge zur Sozialversicherung zahlen.
Eine Sozialversicherungsfreiheit gilt selbstverständlich auch, wenn die hauptberufliche sozialversicherungspflichtige Tätigkeit im Ausland ausgeführt wird. Auch dann sind nebenberufliche selbstständige Tätigkeiten in Deutschland sozialversicherungsfrei. Wichtig in diesem Zusammenhang: Informationen zur Versteuerung der Einnahmen aus haupt- und nebenberuflichen Tätigkeiten sind unter Einkommensteuer zu finden.

Freiberufler*in oder Gewerbetreibende*r?

Beispiel:
Ein Künstler und gelernter Möbeltischler stellt Skulpturen aus Holz her, die er mit großem Erfolg ausstellt und im Anschluss an die Ausstellung teilweise verkauft. Sein Tischlerkollege baut – ebenfalls mit großem Erfolg – kunstvolle Stühle und Tische in Serie. Der Künstler ist Freiberufler, der Tischler ist Gewerbetreibender.

Wird die künstlerische Tätigkeit selbstständig ausgeübt, unterscheidet das Finanzamt hinsichtlich des Status zusätzlich zwischen einer freiberuflichen Tätigkeit und einem Gewerbebetrieb. Generell gehören künstlerische Tätigkeiten zu den klassischen freiberuflichen Tätigkeiten (vgl. § 1 Abs. 2 PartGG und § 18 Abs. 1 EStG). Dies gilt im Prinzip für alle Sparten. Eine künstlerische Tätigkeit liegt vor, wenn die Arbeit schöpferisch ist und über die Beherrschung einer Technik hinaus künstlerische Gestaltungshöhe erreicht. Die Ausbildung (zum Beispiel ein Hochschulstudium in einer bestimmten Kunstrichtung), die Beteiligung an Kunstausstellungen und die Mitgliedschaft in entsprechenden Berufsverbänden etc. können ebenfalls für die Künstlereigenschaft sprechen.

Liegt eine freiberufliche Tätigkeit vor, muss beim zuständigen örtlichen Finanzamt eine Steuernummer beantragt werden. Freiberuflich tätige Künstler*innen zahlen lediglich die Einkommenssteuer (aber keine Gewerbesteuer). Wird die*der Künstler*in als Gewerbetreibende*r eingestuft, muss zusätzlich Gewerbesteuer gezahlt werden. In diesem Fall wird ein Gewerbeschein benötigt, der beim Gewerbeamt beantragt wird. Zuständig ist immer das Amt in der Stadt, in der das Gewerbe ausgeübt wird bzw. seinen Sitz hat. Informationen dazu finden sich auf dem Existenzgründungsportal des BMWi

In Zweifelsfällen entscheidet letztendlich das Finanzamt über die Künstlereigenschaft. Das Verfahren ist in den Bundesländern unterschiedlich geregelt. Siehe hierzu bspw. die Information des Bayerischen Landesamtes für Steuern

Freiberufler*innen können dem Finanzamt ihre Einkünfte durch eine einfache Einnahme-Überschussrechnung nachweisen. Gewerbetreibende können dies nur bis zu einem Gewinn von 60 000 Euro oder einem Umsatz von 600 000 Euro pro Jahr (Stand 2016) so handhaben. Bei höheren Einkünften ist die*der Gewerbetreibende bilanzierungspflichtig, das heißt zur doppelten Buchführung verpflichtet.

Detaillierte Informationen zur Unterscheidung von selbstständiger Tätigkeit, freiberuflicher Tätigkeit und Gewerbe bietet bspw. der Ratgeber Selbstständige.

Arbeitslosenversicherung
Grundsätzlich sind selbstständig tätige Künstler*innen nicht gesetzlich gegen Arbeitslosigkeit versichert.

Beispiel:
Eine Grafikerin war drei Jahre bei einer Firma sozialversicherungspflichtig angestellt. Im Februar 2016 läuft der befristete Vertrag aus. Sie wird arbeitslos, bezieht Arbeitslosengeld und entscheidet sich, zum 1. Juni 2016 selbstständig tätig zu werden. Noch bis zum 31. August 2016 kann sie eine freiwillige Arbeitslosenversicherung beantragen.

War ein*e selbstständige*r Künstler*in vormals festangestellt, kann unter bestimmten Voraussetzungen eine freiwillige Arbeitslosenversicherung abgeschlossen werden. Voraussetzung ist, dass vor Antragstellung zwölf Monate Versicherungspflicht in der Arbeitslosenversicherung innerhalb der letzten zwei Jahre bestand. Auch wenn unmittelbar vor Aufnahme der selbstständigen Tätigkeit Arbeitslosengeld nach dem Sozialgesetzbuch (SGBB) III bezogen wurde, kann unter Umständen ein Anspruch auf Abschluss einer freiwilligen Arbeitslosenversicherung bestehen. Der Antrag muss innerhalb der ersten drei Monate der Selbstständigkeit bei der örtlich zuständigen Arbeitsagentur gestellt werden. Weitere Informationen finden sich auf dem Existenzgründerportal des BMWi.

Rentenversicherung: Sonderregelung für darstellende Künstler*innen
Künstler*innen, die an Stadt- oder Staatstheatern in Deutschland angestellt sind, verfügen in der Regel über eine Zusatzversicherung bei der Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen (VddB) der Bayerischen Versorgungskammer. Dies ist eine zusätzliche Renten-Pflichtversicherung, die verhindern soll, dass Künstler*innen in die Altersarmut rutschen.
Seit 2011 müssen als Honorarkräfte beschäftigte Darsteller*innen ebenfalls zusatzversichert werden, wenn sie mehr als sieben Proben und Vorstellungen pro Jahr haben und pro Produktion an einem deutschen Stadt- oder Staatstheater arbeiten.

Nach Beendigung eines Angestelltenverhältnisses an einem Theater können sich dann selbstständig tätige Künstler*innen mit einem monatlichen Grundbeitrag von 12,50 Euro bei der Bayerischen Versorgungsanstalt selbst weiter versichern. Informationen stellt die Bayerische Versorgungskammer zur Verfügung und finden sich auch auf der Website der Stiftung Tanz

Sonderregelungen für Tanzgruppenmitglieder (Abfindung): Da Tänzer*innen den Bühnenberuf oft nur zeitlich begrenzt ausüben können, haben sie unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf eine Abfindung aus der Versicherung bei der Versorgungsanstalt. Diese soll ihnen den Berufswechsel und die Gründung einer neuen Existenz erleichtern. Tänzer*innen sowie Tanzgruppenmitglieder erhalten die Abfindung frühestens nach Vollendung des 35. Lebensjahrs und spätestens zum Ende der Spielzeit, in der sie das 44. Lebensjahr vollenden und die Bühnentätigkeit beenden. Ferner müssen sie eine Umschulung oder Existenzgründung glaubhaft darlegen und dürfen keine Versorgungsleistungen (Ruhegeld wegen Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit) in Anspruch genommen haben. Die Regelungen gelten für Tänzer*innen und Tanzgruppenmitglieder, die seit 2011 versichert sind und den Bühnenberuf nach 2015 aufgeben. Ausführliche Informationen finden sich hier

Freiwillige Versicherung selbstständiger Künstler*innen bei der Versorgungsanstalt: Selbstständige Künstler*innen der freien Theater- und Tanzszene können sich seit Anfang 2017 bei der Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen freiwillig versichern. Weitere Informationen finden sich hier. 

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