Künstlerstatus und Verträge » Künstlerstatus » Statusfragen bei Grenzübertritt

Statusfragen bei Grenzübertritt

Was ist zu bedenken, wenn eine Tätigkeit im Ausland aufgenommen wird und der Künstlerstatus dort für gewöhnlich ein anderer ist als in der Heimat? touring artists sammelt hierzu Fragen, die im Zuge einer grenzüberschreitenden Tätigkeit entstehen können. Das folgende Beispiel zeigt, wie sich in Deutschland und Frankreich ein anderer Status ergeben kann.
Damit an dieser Stelle in Zukunft weitere Beispiele aufgeführt werden können, sind wir für Rückmeldungen von Künstler*innen und Kulturschaffenden dankbar (gerne per E-Mail an die touring artists Redaktion: info@touring-artists.info).

Beispiel:
Eine Tänzerin aus Toulouse geht für ein 3-monatiges Engagement an ein Theater in Stuttgart. Das Theater möchte mit ihr einen Honorarvertrag abschließen. Was ist hier zu bedenken?

Nach französischem Recht werden darstellende Künstler*innen (artistes du spectacle) in Frankreich als Arbeitnehmer*in betrachtet. Sie erhalten auch für kurzfristige Engagements am Theater, bei Festivalveranstaltern etc. einen Arbeitsvertrag. Der Status als Arbeitnehmer*in ist gesetzlich vorgegeben und nicht frei wählbar – vorausgesetzt, die Tätigkeit ist nicht im Handelsregister eingetragen. Als artistes du spectacle gelten Schauspieler*innen, Choreograph*innen, Variétékünstler*innen, Musiker*innen, Statist*innen, Dirigent*innen, Arrangeur*innen, Regisseur*innen u. v. m.
Durch die verpflichtende Arbeitnehmereigenschaft können darstellende Künstler*innen und Bühnentechniker*innen in Frankreich von einer speziellen Arbeitslosenversicherung profitieren: Diese greift in der Zeit zwischen zwei Engagements (intermittent du spectacle). Voraussetzung hierfür ist, dass ein*e Künstler*in für eine bestimmte Anzahl an Arbeitstagen im Jahr angestellt ist: In einem Zeitraum von zwölf Monaten müssen 507 Arbeitsstunden nachgewiesen werden. Die Anzahl der Arbeitsverträge ist dabei unerheblich. Zeiten können addiert werden; auch Arbeitsverträge (Anstellungen) im Ausland werden zum Teil anerkannt. Honorarverträge (für selbstständig Tätige) werden jedoch in dem System nicht berücksichtigt.

Erhält die Tänzerin aus dem obigen Beispiel in Deutschland einen Honorarvertrag als Selbstständige und nicht einen Arbeitsvertrag, kann sie die Tage, die sie in Deutschland arbeitet, in Frankreich nicht anrechnen lassen. Abhängig von der Anzahl der Tage, die sie in Deutschland arbeitet, verliert sie so unter Umständen ihren Anspruch auf die Arbeitslosenversicherung zwischen den verschiedenen Engagements – folglich Planungs- und soziale Sicherheit. Dieser Sachverhalt sollte Veranstalter*innen in Deutschland bewusst sein. Eine kurzfristige Anstellung darstellender Künstler*innen ist zwar aufwendiger, könnte aber Abhilfe schaffen.

Zusatzinformation: Erhält die französische Tänzerin in Deutschland einen Arbeitsvertrag, wird ihr in Frankreich eine bestimmte Anzahl an Arbeitsstunden pro Arbeitstag anerkannt. Nach Beendigung des Engagements benötigt sie für die französischen Behörden (pôle emploi) das Formular U1. Dieses dient als Bescheinigung der Versicherungszeiten in einem anderen Land innerhalb der EU und spielt bei der Berechnung der Leistungen im Falle einer Arbeitslosigkeit eine Rolle. Informationen zum Vordruck U1 und seiner Verwendung finden sich hier

Die Annahme der Arbeitnehmereigenschaft gilt teilweise auch für darstellende Künstler*innen aus dem Ausland, die temporär in Frankreich arbeiten:
Für Künstler*innen aus Ländern außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums gilt sie uneingeschränkt. Darstellende Künstler*innen aus Ländern der EU (egal welcher Nationalität!), die in ihrer Heimat freischaffend tätig sind, können hingegen auch in Frankreich freischaffend tätig sein, sofern bestimmte Konditionen erfüllt sind. (Der Europäische Gerichtshof hatte im Jahr 2006 befunden, dass durch die Annahme der Arbeitnehmereigenschaft die Arbeitnehmerfreizügigkeit eingeschränkt werde.) Demnach kann ein*e deutsche*r freischaffende*r darstellende*r Künstler*in temporär in Frankreich arbeiten und dafür eine Rechnung schreiben. In der Praxis ist es jedoch oftmals so, dass sich französische Veranstalter*innen dessen nicht bewusst sind oder Rechnungen aus anderen Gründen abgelehnt werden. Unter Umständen wird dann auf eine Anstellung bestanden.

Bei Fragen zu diesem Themenkomplex können sich darstellende Künstler*innen und Theaterorganisatoren in Deutschland bspw. an MobiCulture wenden.
Weitere Ansprechpartner sind ARTCENA (Bereiche Theater, Street Art und Zirkus), IRMA (Bereich Musik) und CN D (Bereich Tanz).

Nach oben