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Steuern bei Wohnsitz in Deutschland

Welche Steuern und Prozedere muss ich beachten, wenn ich meinen Wohnsitz von der Türkei nach Deutschland verlege?

Anmeldung der Tätigkeit

Bei der erstmaligen Anmeldung eines Wohnsitzes in Deutschland wird automatisch eine Steueridentifikationsnummer zugeteilt und per Post an die Meldeadresse zugestellt. Diese Steueridentifikationsnummer ist lebenslang gleich. Selbstständige müssen darüber hinaus den Beginn ihrer Tätigkeit selber dem Finanzamt melden. Dies geschieht über das Formular „Fragebogen zur steuerlichen Erfassung“, welches an das regional zuständige Finanzamt übermittelt werden muss. Es wird dann eine persönliche Steuernummer (nicht mit der Steueridentifikationsnummer verwechseln!) ausgestellt, die für die angemeldete Tätigkeit gültig ist und mit dem jeweils lokalen Finanzamt verbunden ist. Bei einem Umzug in den Zuständigkeitsbereich eines anderen Finanzamts oder der Änderung der Tätigkeiten wird eine neue Steuernummer vergeben. Rechnungen über selbstständige Tätigkeiten dürfen nur mit einer gültigen Steuernummer oder, falls vorhanden, vorzugsweise mit der anonymeren Umsatzsteuer-Identifikationsnummer geschrieben werden!


Rechnungen schreiben als Selbstständige*r

Eine Rechnung muss folgende Angaben enthalten:

  • Vollständiger Name und Anschrift der*s Selbstständigen, die*der die Rechnung schreibt sowie vollständiger Name und Adresse der*s Kundin*en (der*s sogenannten Leistungsempfängerin*s)
  • Steuernummer (oder Umsatzsteuer-Identifikationsnummer)
  • Ausstellungsdatum der Rechnung
  • Fortlaufende Rechnungsnummer (die Art der Nummerierung kann frei gewählt werden)
  • Menge und Bezeichnung der gelieferten Gegenstände oder die Art, der Ort und der Umfang einer sonstigen Leistung (zum Beispiel Auftritt oder Workshop)
  • genaues Datum der Lieferung oder Leistung (zum Beispiel Workshop am 08. August 2018)
  • Informationen zur Umsatzsteuer: bei Leistungen mit verschiedenen Umsatzsteuersätzen eine Aufschlüsselung der verschiedenen Honorare und Sätze; bei Kleinunternehmen ein Vermerk, dass die Umsatzsteuer gem. § 19 Umsatzsteuergesetz nicht ausgewiesen wird (s. unten); bei befreiten Umsätzen Vermerk auf Befreiungstatbestand; bei Rechnungen an ausländische Empfänger*innen ggf. ein Vermerk zur Umkehr der Steuerschuld 

Musterrechnungen sind auf touring artists hier (in der rechten Spalte) zu finden.

Zwei Arten von Selbstständigkeit: Freiberufler*innen und Gewerbetreibende

Das deutsche System unterscheidet zwischen Freiberufler*innen (manchmal auch „Katalogberufe“ genannt) und Gewerbetreibenden. Künstlerische Berufe gehören in der Regel zu den freien Berufen, soweit der schöpferische Akt im Vordergrund steht.  Während Freiberufler*innen zu Beginn ihrer Tätigkeit nur eine Steuernummer beim Finanzamt beantragen müssen, müssen Gewerbetreibende zusätzlich ihre Tätigkeit beim Gewerbe- oder Ordnungsamt anzeigen sowie Mitglied bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) werden.
Gewerbetreibende müssen ab einem Gewinn von 24.500 Euro im Jahr eine zusätzliche Steuer, die Gewerbesteuer, zahlen, die von Region zu Region unterschiedlich hoch ist.
Achtung: Es gibt bestimmte Tätigkeiten, die oft von Künstler*innen ausgeführt werden, die als gewerblich eingestuft werden. Das sind zum Beispiel das Betreiben eines Musik-Labels, die Distribution von Tonträgern oder der Verkauf von Bildender Kunst auf einem Markt, für den oft ein Reisegewerbeschein benötigt wird. Sollte ein Aufenthaltstitel nur freiberufliche Tätigkeiten erlauben, sind diese gewerblichen Tätigkeiten nicht gestattet!
Mehr zur Unterscheidung zwischen Freiberufler*innen und Gewerbetreibenden auf touring artists hier.


Berufsgenossenschaft

Unternehmer*innen müssen sich nach dem SGB VI § 192 zudem bei der Berufsgenossenschaft melden.

Mitgliedschaft in Berufskammern

Eine Reihe von freiberuflichen und gewerbetreibenden Tätigkeiten ist mit einer verpflichtenden Mitgliedschaft in Berufskammern verbunden. Neben der Mitgliedschaft in der IHK für alle Gewerbetreibenden gibt es u. a. für folgende Berufsgruppen ebenfalls Mitgliedschaftspflichten: Handwerker*innen, Ärzt*innen, Architekt*innen, Notar*innen und Rechtsanwält*innen.

„Scheinselbstständigkeit

Häufig werden Honorarverträge abgeschlossen, obwohl es sich bei dem Vertragsverhältnis eigentlich um eine versicherungspflichtige Beschäftigung handelt (auch „Scheinselbstständigkeit“). Die Parteien bevorzugen häufig den Abschluss von Honorarverträgen, um ihren Anteil der sozialversicherungspflichtigen Abgaben nicht bezahlen zu müssen. Sollte die Rentenversicherung oder die Krankenkasse bei einer Prüfung zu dem Ergebnis kommen, dass ein Arbeitsvertrag hätte abgeschlossen werden müssen, drohen dem Arbeitgeber hohe Rückzahlungen und im Einzelfall auch strafrechtliche Konsequenzen. 
Achtung: Auch mehrere Auftraggeber*innen zu haben, bedeutet nicht automatisch, dass ein Arbeitsverhältnis nicht als „scheinselbstständig“ klassifiziert werden kann. Ausschlaggebend ist, wenn man in einem Arbeitsverhältnis wie ein*e Arbeitnehmer*in in einem Angestelltenverhältnis behandelt wird, dieses aber selbstständig ausführt.
Mehr zur Unterscheidung zwischen selbstständiger und nichtselbstständiger Tätigkeit sind auf touring artists unter Künstlerstatus und Verträge zu finden. Informationen bietet auch die Deutsche Rentenversicherung hier und hier.


Einkommensteuer bei Wohnsitz in Deutschland

Bei Anstellungen führt der Arbeitgeber die Lohnsteuer ab. Auch wenn nicht alle Angestellten zur Angabe einer Steuererklärung verpflichtet sind, wird in der Regel einmal im Jahr eine Einkommensteuererklärung beim zuständigen Finanzamt abgegeben, um bei weiteren Betriebsausgaben (bspw. Werbekosten) bereits bezahlte Steuern zurückzubekommen. Das Steuerjahr ist im Normalfall das Kalenderjahr; die Steuererklärung ist am 31. Mai für das Vorjahr fällig (ab dem Steuerjahr 2018: 31. Juli 2019).

Selbstständige müssen eine jährliche Einkommensteuererklärung abgeben. Anders als in der Türkei gibt es in Deutschland also kein „Stopaj“-System, bei dem die Einkommensteuer vom Leistungserbringer in der Rechnung ausgewiesen werden muss. Das Steuerjahr ist im Normalfall das Kalenderjahr und die Steuererklärung ist am 31. Mai für das Vorjahr fällig (ab dem Steuerjahr 2018: 31. Juli 2019). Wenn ein Steuerberater beauftragt wird die Steuererklärung anzufertigen, verlängert sich die Frist bis zum 31. Dezember (ab dem Steuerjahr 2018: 28./29. Februar des Zweitfolgejahres). Sollte das zu versteuernde Einkommen unter 9.000 Euro (2018) liegen, liegt der Einkommensteuersatz bei 0 %, das heißt es muss keine Einkommensteuer gezahlt werden. Nichtsdestotrotz muss eine Erklärung abgegeben werden, denn sonst kann das Finanzamt eine eigene Schätzung zur Grundlage nehmen und ggf. die Zahlung von Einkommensteuer verlangen.

Die Einkommensteuersätze sind progressiv, es gibt aber keine genau definierten stufenartigen Prozentsätze wie in der Türkei. Achtung: Bei unterschiedlichen Einkunftsarten (zum Beispiel Selbstständigkeit, Anstellung, Beteiligung an Personengesellschaften, aber auch steuerfreie Einkünfte) werden für die Errechnung des Einkommensteuersatzes alle Einkünfte zusammengerechnet, um den einschlägigen Steuersatz zu ermitteln.

Wieviel Einkommensteuer gezahlt werden muss, kann hier errechnet werden: Lohn- und Einkommensteuerrechner des Bundesministerium der Finanzen.

Die Steuererklärung kann selber online über das Portal ELSTER (www.elsteronline.de) abgegeben werden. Es kann aber auch zertifizierte Steuerberatung in Anspruch genommen werden, um die Steuererklärung abzugeben und Hilfestellungen beim Absetzen von Betriebsausgaben und der Kommunikation mit dem Finanzamt in Anspruch zu nehmen. Es gibt Steuerberater*innen, die sich auf die Arbeit mit Künstler*innen spezialisiert haben. Beim Erstkontakt mit Steuerberatern ist es ratsam sich zu informieren, ob eine Erstberatung schon Kosten nach sich zieht.


Umsatzsteuer

Umsatzsteuerpflichtige Selbstständige müssen auf ihren Rechnungen – falls Umsatzsteuer anfällt – Umsatzsteuer hinzufügen und diese an das Finanzamt abführen. Zu Beginn der selbstständigen Tätigkeit verlangt das Finanzamt meistens eine monatliche Umsatzsteuererklärung und -zahlung, später kann das Finanzamt bei einem kleinen oder mittleren Umsatz die Intervalle auf vierteljährliche oder jährliche Erklärungen und Zahlungen umstellen. Der allgemeine Steuersatz beträgt 19 %, der reduzierte 7 %.

Beispiele für Leistungen, für die der reduzierte Umsatzsteuersatz gilt, sind

  • der Verkauf von Kunstgegenständen, dessen Erlös direkt vom Urheber erworben wird (Achtung, für Galeristen und Kunsthändler kommt der ermäßigte Steuersatz nicht mehr in Betracht), vgl. § 12 Abs. 2 Nr. 13 UStG
  • Eintritte für Museen, Theatervorführungen, Konzerte, vergleichbare Darbietungen darbietender Künstler*innen, vgl. § 12 Abs. 2 Nr. 7 a UStG;
  • Einräumung von Nutzungsrechten, vgl. § 12 Abs. 2 Nr. 7 c UStG.

Wichtig: Künstler*innen und Kreative sind wie alle anderen Unternehmer*innen verantwortlich für die einzutreibende Umsatzsteuer: wann und in welcher Höhe sie zu berechnen und abzuführen ist. Der Vorteil für umsatzsteuerpflichtige Künstler*innen besteht darin, dass sie die selber gezahlte Umsatzsteuer auf Betriebsausgaben vom Finanzamt zurückfordern können. Umsatzsteuerpflichtige Selbstständige bekommen vom Finanzamt eine internationale Umsatzsteuer-Identifikationsnummer zugeteilt, die für den EU-weiten Rechnungsverkehr wichtig ist, aber auch anstelle der Steuernummer auf Rechnungen verwendet werden kann.

Weitere Informationen auf touring artists hier.


Kleinunternehmerregelung
Im „Fragebogen zur steuerlichen Erfassung“ haben Selbstständige die Möglichkeit, sich als sogenannter Kleinunternehmer zu klassifizieren, wenn ihr voraussichtlicher Jahresumsatz (nicht Gewinn!) 1.7500,00 Euro nicht übersteigt. Der Vorteil hierbei ist, dass Rechnungen ohne Umsatzsteuer ausgewiesen werden können und somit auch keine Umsatzsteuererklärungen abgegeben werden müssen. Da keine Umsatzsteuer ausgewiesen wird, sind Kleinunternehmer für diejenigen Kunden also günstiger, die keine Umsatzsteuer auf Betriebsausgaben vom Finanzamt zurückfordern können (zum Beispiel andere Kleinunternehmer oder umsatzsteuerbefreite Vereine). Der Nachteil des Status ist demnach auch, dass die selber gezahlte Umsatzsteuer auf Betriebsausgaben vom Finanzamt nicht zurückgefordert werden kann.

Die Umsatzgrenze von 17.500,00 Euro umfasst alle Umsätze aus allen selbstständigen Tätigkeiten, aber nicht Einkünfte aus Anstellungen, öffentlicher Förderung oder dem Gewinn aus Personengesellschaften. Wenn die selbstständige Tätigkeit nicht am Jahresanfang beginnt, wird der Umsatz hochgerechnet: Beginnt die Tätigkeit zum Beispiel am 1. Juli, liegt die Umsatzgrenze nur bei 8.750,00 Euro.

Sollte die Umsatzgrenze in einem Jahr überschritten werden, muss ab dem Folgejahr auf alle Rechnungen Umsatzsteuer hinzugefügt werden.

Auf der Rechnung eines Kleinunternehmers muss vermerkt sein, dass die Umsatzsteuer gem. § 19 Umsatzsteuergesetz nicht ausgewiesen wird.

Weitere Informationen zur Kleinunternehmerregelung auf touring artists hier.

Umsatzsteuerbefreiung

Nach § 4 Nr. 20a UStG sind Umsätze folgender Einrichtungen des Bundes, der Länder, der Gemeinden oder der Gemeindeverbände steuerfrei: Orchester, Kammermusikensembles, Chöre, Theater. Umsätze gleichartiger Einrichtungen von anderen Unternehmen können auch umsatzsteuerbefreit sein - vorausgesetzt die zuständige Landesbehörde bescheinigt, dass die entsprechende Einrichtung die gleichen kulturellen Aufgaben erfüllt wie o.g. Einrichtungen.
Mehr dazu auf touring artists hier.

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