Case studies

Residenzerfahrug in Montréal 2016

Jasna L. Vinovrški, performer, choreographer, teacher https://jasnavinovrski.com
- Oktober 2025 - 

Bewerbung und Auswahl

Im Jahr 2015 habe ich mich beim Goethe-Institut in Montréal, Kanada für eine zweimonatige Künstlerresidenz beworben. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits mit der Recherche für mein Projekt Lady Justice begonnen. Während der Residenz wollte ich meine Arbeit auf der Bühne weiterentwickeln, insbesondere die erste Skizze des Bühnenbilds erarbeiten. Diese Residenz bot genau das, was ich suchte: Neben der Studiozeit stand auch Bühnenzeit mit voller technischer Ausstattung zur Verfügung. Zudem war das Programm speziell für Choreografinnen gedacht, die Künstler*innen aus anderen Sparten zur Zusammenarbeit einladen. Da mein Mann Clément Layes fast alle meine Bühnenbilder entworfen hat, war es für mich selbstverständlich, ihn als Bühnenbildner in dieses Projekt und während der Recherche einzubeziehen.
Eine Herausforderung bestand jedoch darin, dass wir eine Tochter haben, die damals acht Jahre alt war. Für kürzere Residenzen von einer Woche oder zehn Tagen konnten wir sie oft bei den Großeltern lassen, aber für zwei Monate war das nicht möglich. Da diese Residenz perfekt zu meinen künstlerischen Bedürfnissen passte, entschied ich trotzdem, mich zu bewerben und nach einer Lösung zu suchen, falls wir ausgewählt würden. Es gab sehr viele Bewerbungen – umso größer war unsere Freude, als wir die Zusage erhielten. Uns war sofort klar, dass wir unsere Tochter mitnehmen würden. Sowohl das Goethe-Institut als auch die gastgebende Institution, das Circuit-Est Centre Choreographique, reagierten offen und unterstützend. Für beide Institutionen war es das erste Mal, eine Künstlerfamilie zu beherbergen und sie waren von Beginn an sehr hilfsbereit. Dafür sind wir sehr dankbar und mein besonderer Dank geht hier an Caroline Gagnon vom Goethe-Institut und Francine Gagné vom Circuit-Est Centre Chorégraphique.

Vorbereitung und Organisation

Zuerst mussten wir die Schule unserer Tochter in Deutschland informieren und die offizielle Einladung des Goethe-Instituts vorlegen. Unsere Schulleiterin zeigte Verständnis und beurlaubte unsere Tochter unter der Bedingung, dass sie während der zwei Monate eine Grundschule in Montréal besucht. Da unser Kind dreisprachig aufwächst – Kroatisch (Muttersprache), Französisch (Vatersprache) und Deutsch – gab es keine sprachlichen Hürden. Besonders spannend für uns war, dass Mehrsprachigkeit in Montréal selbstverständlich ist und Kommunikation sowohl im privaten als auch im öffentlichen Raum meist auf Französisch und Englisch stattfindet.

Wohnung und Schulplatz in Montréal

Bevor wir eine Grundschule auswählen konnten, mussten wir wissen, wo wir wohnen würden. Das Goethe-Institut fand für uns eine tolle Familienwohnung, von der aus wir zu Fuß zur Arbeit und zur Schule gehen konnten – eine große Erleichterung. Das Circuit-Est ermöglichte uns, unsere Proben zwischen 10 und 15 Uhr anzusetzen, sodass wir unsere Tochter zur Schule bringen und nachmittags wieder abholen konnten. Meistens brauchten wir daher keine zusätzliche Kinderbetreuung; nur für unser abschließendes Showing baten wir Kolleg*innen darum, auf sie aufzupassen.

Sobald wir unsere Wohnadresse kannten, half uns das Goethe-Institut bei der Suche nach einer Schule und stellte Kontakte zu mehreren Schulen her. Nach Einreichung der notwendigen Unterlagen (Reisepass, übersetztes Zeugnis, Impfpass, Einladungsschreiben des Goethe-Instituts) erhielten wir schnell eine Zusage von einer öffentlichen Schule. Viele Künstlerinnen denken, sie müssten für kurze Residenzen auf private Schulen zurückgreifen – das ist jedoch nicht immer nötig. Auch öffentliche Schulen nehmen Gastschüler*innen für begrenzte Zeit auf, wodurch hohe Schulgebühren vermieden werden können. Hier können Residenzorte eine wichtige Rolle spielen, indem sie entsprechende Informationen bereitstellen und Kontakte vermitteln. Da es für Schulen eher ungewöhnlich ist, Kinder nur für zwei Monate aufzunehmen, war es hilfreich, dass das Goethe-Institut und das Circuit-Est unsere künstlerische Tätigkeit offiziell bestätigten.

Einreise und Formalitäten

Ein Visum war für uns nicht erforderlich, da wir EU-Pässe besitzen. Trotzdem mussten wir an der Grenze nachweisen, warum wir für längere Zeit in Kanada bleiben würden. Das Goethe-Institut empfahl uns ausdrücklich, das Wort Residenz zu vermeiden, da dies bei der Grenzpolizei den Eindruck eines dauerhaften Aufenthalts erwecken könnte. Das Institut bereitete ein offizielles Schreiben für die Grenzbehörden vor, inklusive einer Telefonnummer, unter der sie bei Bedarf direkt anrufen konnten. Außerdem führten wir alle relevanten Dokumente mit: Einladung, Schulunterlagen und Rückflugtickets. Bei der Einreise prüfte die Beamtin unsere Unterlagen sorgfältig und fragte explizit, ob es sich um eine Residenz handle. Dank der Vorbereitung wussten wir, wie wir beantworten mussten, und konnten ohne Probleme einreisen. Unsere Krankenversicherungskarten und Impfpässe hatten wir dabei; zusätzlich schlossen wir eine Auslands Familienversicherung in Deutschland ab, die erstaunlich günstig war.

Reisekosten

Wir baten das Goethe-Institut, neben unseren Reisekosten auch die Hälfte der Reisekosten für unsere Tochter zu übernehmen – was bewilligt wurde. Rückblickend würde ich heute darauf bestehen, dass die gesamten Reisekosten für mitreisende Kinder übernommen werden.

Erfahrungen vor Ort

Diese Residenz gehört zu den schönsten und prägendsten Erfahrungen meines beruflichen Lebens. Durch unsere Tochter lernten wir viele Menschen kennen, die nichts mit Tanz zu tun hatten, und konnten so den Alltag und die Kultur Montréals viel intensiver erleben. Wir besuchten Spielplätze, den Botanischen Garten, Bibliotheken, das Planetarium und Familiencafés. Wir nahmen an typischen Freizeitaktivitäten wie Apfelpflücken teil – etwas sehr Kanadisches, das Familien zusammenbringt. Dadurch konnten wir das alltägliche Leben der Menschen aus nächster Nähe beobachten und unterschiedliche Denk- und Lebensweisen kennenlernen. Diese Eindrücke flossen indirekt in unsere künstlerische Recherche ein. Auch praktisch war die Unterstützung durch das lokale Netzwerk groß: Mein Partner musste Materialien und Requisiten für die Proben beschaffen, und viele der Menschen, die wir über unsere Tochter kennengelernt hatten, halfen uns dabei – sie begleiteten uns sogar auf Flohmärkte oder zu Fachgeschäften. Wir waren so begeistert vom Leben in Montréal, dass wir bis heute darüber nachdenken, dorthin zu ziehen. Obwohl wir viele Residenzen an großartigen Orten erlebt haben, konnten wir nirgends so tief in den Alltag eintauchen wie dort – sicher auch, weil unsere Tochter dabei war.

Herausforderungen und Empfehlungen

Natürlich war nicht alles einfach: Zu Beginn war unsere Tochter unglücklich, da sie in einer neuen Schule niemanden kannte. Nach einiger Zeit hatte sie sich jedoch eingelebt und erste Freundschaften geschlossen. Aus dieser Erfahrung möchte ich drei Empfehlungen ableiten:

1. Residenzorte sollten längere Aufenthalte für Familien (mindestens drei Wochen) ermöglichen, damit sich Kinder und Eltern einleben können.

2. Künstler*innen sollten sich nicht von organisatorischen Hürden abschrecken lassen. Mit etwas Planung ist es durchaus machbar – und die Erfahrung lohnt sich. Schulen in Deutschland sind verpflichtet, Kinder zu beurlauben, wenn Eltern im Ausland beruflich tätig sind. Residenzen sind ein sehr wichtiger Teil unserer beruflichen Praxis.

3. Wenn Künstler*innen mit kleinen Kindern reisen, sollten Residenzorte auch bei der Kinderbetreuung unterstützen – etwa durch Hilfe bei der Suche nach Babysittern, die die Stadt kennen und mit dem Kind etwas unternehmen, anstatt nur im Apartment zu bleiben. Eine Kita oder Vorschule ist oft sogar leichter zu finden als eine reguläre Schule und bietet Kindern soziale Kontakte, während Eltern gleichzeitig Zugang zu einem lokalen Netzwerk anderer Familien erhalten.

Empfehlungen für Institutionen

Residenzorte sollten Informationen zu folgenden Themen sammeln und bereitstellen:

  • lokale Schulen und Kitas
  • Babysitter-Vermittlungen
  • Wohnmöglichkeiten für Familien
  • Informationen zu Aufenthaltsgenehmigungen
  • Empfehlungen zu familienfreundlichen Orten (Museen, Bibliotheken, Mediatheken, Spielplätze etc.)

Alle diese Daten können einfach durch Feedback von Künstler*innen am Ende jeder Residenz gesammelt oder aktualisiert werden – etwa über Fragebögen oder Abschlussgespräche.

Abschluss und Wirkung

Unser Showing am Ende der Residenz war rappelvoll – und es kamen nicht nur Menschen aus dem künstlerischen Umfeld. Viele Besucher*innen kannten den Ort vorher gar nicht und waren begeistert, dass es in Montréal eine solche Plattform für zeitgenössischen Tanz gibt. Damit gewann auch die Residenz selbst neues Publikum – ein gutes Beispiel dafür, wie künstlerische Arbeit in Verbindung mit Familienleben neue Formen von Austausch und Teilhabe schaffen kann.

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